Über die Aufgabe des Kriegers und des Friedensmannes als wichtige Wegbereiter zur Transformation des Bösen
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Quelle: Patton L. Boyle, “Der Ruf des Falken”, Ansata Verlag Interlaken 1994, ISBN 3-7157-0177-3
Manche Menschen glauben, Kampf stehe im Gegensatz zum Willen des Großen Geistes. Das gilt jedoch nur für einen Mann des Friedens und trifft nicht auf alle Menschen zu. Manche sind Krieger und müssen auf den Großen Geist vertrauen, dass er sie das Kämpfen lehrt. (...) Du möchtest ein Mann des Friedens sein, aber du könntest dich auch für die Kriegerschaft entscheiden. Zu manchen Zeiten wirst du als Krieger handeln müssen, um dem ‘Willen des Geistes in deinem Leben zu entsprechen. Tiere sind in ihrer Art der Begegnung mit dem Großen Geist beständig. In der Welt der Menschen gilt es, seine Wahl zu treffen, und manchmal werden Männer des Friedens vom Geist dazu berufen, Krieger zu werden. Darüber herrscht in deiner Welt große Verwirrung. Der Bär kann dich darüber belehren, denn er ist in den meisten Fällen friedfertig, wird jedoch kriegerisch, wenn er Fleisch zum Leben benötigt oder wenn seine Jungen in Gefahr sind. Der Mensch muss seinen Weg wählen, das Tier dagegen erhält seinen Weg durch den Geist vorgegeben. Schwierigkeiten treten dann auf, wenn ein Mensch keine Entscheidung trifft. Manche Menschen entscheiden sich weder für die Kriegerschaft noch für den Weg des Friedens. Sie lassen sich von ihren Gefühlen beherrschen. Zuweilen werden sie wütend und handeln dann kriegerisch, ohne sich jedoch für den Weg des Kriegers entschieden zu haben. Auf diese Weise erfüllen sie nicht die Aufgabe eines Kriegers, sondern spielen lediglich eine Rolle. Sie zerstören zwar etwas, erfüllen aber nicht die Mission des Kriegers. Verstehst du?»
«Teilweise», sagte ich. «Ich bin mir nicht sicher, ob ich begriffen habe, was du gerade über Gefühle und die Erfüllung einer Aufgabe gesagt hast.»
«Gefühle sollten die Ausrichtung eines Menschen nicht bestimmen. Sie sind wichtig und müssen durchlebt werden, doch sie dürfen kein bestimmender Faktor für die Handlungsweise einer Person sein. Ein Mann sollte nicht zum Krieger werden, weil er Zorn verspürt. Er kann jedoch den Weg des Kriegers wählen, wenn er es als richtig empfindet. Entscheidet sich jemand aus Zorn für die Rolle des Kriegers, wird sein Handeln eher zum Ausdruck seines Zorns als zur Erfüllung eines spirituellen Kriegertums. Versucht jemand, den Weg des Friedens zu beschreiten, weil er Gewalt fürchtet, übernimmt er die Rolle dessen, der die Angst vermeidet, anstatt seine wahre Funktion zu erfüllen, nämlich Frieden zu bringen. Wir Hirsche sind nicht aus Furcht friedfertig. Wir lieben das friedliche Zusammenleben, weil das unserer Natur entspricht. Es ist die Rolle, die uns der Große Geist zugedacht hat. Wir können Furcht empfinden; wir fühlen sie, wenn unsere Friedfertigkeit bedroht ist. Wir haben Angst, wenn es Zeit ist wegzulaufen, wenn wir nicht unter friedfertigen Tieren oder Menschen sind. Jetzt verspüre ich keine Angst, da du in diesem Augenblick friedfertig bist und ich darauf vertrauen kann, dass du mir kein Leid zufügst. Ich kann in deiner Gegenwart ich selbst sein, ein Tier des Friedens. Ein echter Mann des Friedens ist nicht deshalb friedfertig, weil er sich friedfertig fühlt, er ist es, weil er diesen Weg gewählt hat. Denn der Mensch hat die Wahl, wir nicht.»
(...) Es scheint so, als wäre die Person außerhalb von dir und du würdest mit ihr oder ihm da draußen reden, doch du sprichst mit dem, was diese Person in dir repräsentiert. Wenn du einen Menschen nicht magst oder wenn du das ablehnst, was dir diese Person sagt, lehnst du in Wirklichkeit den Teil in deinem Inneren ab, den der Betreffende repräsentiert. Ein Mann des Friedens weiß das. Aus diesem Grund tötet ein Mann des Friedens seine Feinde nicht. Er weiß, dass die Feinde in Wirklichkeit in unserem Inneren sind und dass es daher sinnlos wäre, anderen Menschen das Leben zu nehmen. Der Krieger bekämpft das Übel im anderen, aber ein echter Krieger weiß auch, dass der wahre Kampf in ihm selbst stattfindet. Er weiß, dass die Beseitigung all seiner Feinde das Problem des Bösen letztlich nicht löst.»
«Willst du damit sagen, dass der Krieger und der Mann des Friedens den gleichen Weg beschreiten?»
«Ja. Ein echter Krieger bekämpft den Feind außerhalb von sich selbst, weiß aber, dass der wirkliche Feind in seinem Inneren wohnt. Der wirkliche Mann des Friedens bekämpft den Feind in seinem Inneren, um mit dem Feind im Äußeren zurechtzukommen. Du möchtest ein Mann des Friedens sein, doch es gibt vieles, was du in diesem Zusammenhang noch nicht verstanden hast. Damit du wirklich begreifst, was es heißt, ein Mann des Friedens zu sein, mußt du erst zum Krieger werden.»
«Aber ich möchte niemanden töten.»
«Du brauchst kein Blut zu vergießen, um ein Krieger zu sein. Manche Krieger töten Menschen, aber eben nicht alle. Ein Krieger zu sein bedeutet, das Übel im Äußeren zu bekämpfen, um mit dem Übel im Inneren zurechtzukommen. Das liegt im Wesen eines wahren Kriegers. Du, mein Freund, siehst das Übel, das in dir wohnt, doch du siehst es nicht klar. Manches, was du an dir selbst für schlecht befindest, z. B. dass du einige Regeln nicht befolgst, ist durchaus annehmbar. Anderes wiederum, was dich wirklich daran hindert, die Stimme des Geistes zu hören, erkennst du nicht. Damit du dich jedoch klar sehen kannst, musst du zum Krieger werden und dich mit dem Bösen auseinandersetzen, das du in anderen wahrnimmst. Jetzt bist du noch zu naiv, um das Übel in anderen deutlich zu sehen. Du versuchst ständig, sie besser zu machen, aus Angst, du könntest sie nicht mögen, sobald du siehst, wie sie wirklich sind. Das christliche Gebot, seine Feinde zu lieben, ist eher für einen Krieger gedacht als für einen Mann des Friedens. Der Krieger ist es, der über die Fähigkeit verfügt, das Böse im anderen zu erkennen. Sieht er das Böse und lernt es als das Übel in ihm selbst zu akzeptieren, wird er fähig, sich selbst zu lieben. Du liebst dich keineswegs, du kannst nur jene Teile von dir annehmen, die du für gut hältst. Auch verstehst du noch nicht, dass all diese Anteile deiner selbst gut sind, sogar die, die du als böse erachtest. Der wahre Krieger steht dieser Realität von Angesicht zu Angesicht gegenüber, wenn es ihm gelingt, seine Feinde zu lieben. Verstehst du das?»
«Nein, ich bin ziemlich durcheinander. Manchmal redest du, als würden andere Menschen existieren, und dann klingt es wieder so, als gäbe es sie nicht wirklich. Du redest, als ob das Böse existiere, und dann sagst du, das Böse sei gut. Was ist nun wahr?»
«Beides trifft zu; beides ist zur gleichen Zeit wahr. Du wirst es jedoch erst verstehen, wenn es dir gelingt, das Ungesagte zwischen den Worten zu vernehmen, denn die Worte selbst scheinen sich zu widersprechen. Im Reich des Geistes kann Gegensätzliches gleichzeitig wahr sein, und gewöhnlich ist es auch so.»